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Millennium. Die Weltgeschichte unseres Jahrtausends.  
Felipe Fernandez-Armesto
Gebundene Ausgabe - 908 Seiten (1998)
Bertelsmann Vlg., M.; ISBN: 3570017435

 

ERSTER TEIL

Die Ursprünge des Unternehmungsgeistes

 

Es war der letzte Tag des Jahres 1999 unserer Zeitrechnung. Das Trommeln des Regens hatte schon lange den Einbruch der Nacht angekündigt, und ich saß mit meiner Frau zusammen und dachte nach über die Geschehnisse der Vergangenheit, die Aussichten für das kommende Jahr, das kommende Jahrhundert, das bevorstehende Jahrtausend.
Wenn ich" saß, sage, meine ich natürlich keine Veränderung der Haltung, wie es dieses Wort bei euch in Raumland bedeutet denn da wir keine Füße haben, können wir ebenso wenig "sitzen". oder "stehen" (im Sinn des Wortes) wie eine eurer Flundern.
Edwin A. Abbot, Flächenland.
Ein mehrdimensionaler Roman

1.
Getrennte Welten:
Einige Zivilisationen vor tausend Jahren

 

Das Reich der Sinnlichkeit<

Wie die Augen der Palastkatzen waren auch die der Dame Murasaki Shikibu an das Dunkel gewöhnt. Die dunklen Korridore im großen Komplex der kaiserlichen Bauten in Heian, wo ein Umherstreifender sich leicht verirren oder verloren gehen konnte, waren für sie heimisches Terrain. Das Dämmerlicht, in dem sich japanisches Hofleben im späten zehnten oder frühen elften Jahrhundert abspielte, verbarg ihr Starren nicht im geringsten, doch war die Dunkelheit tief genug, um Verwechslungsgeschichten über Liebende glaubhaft zu machen.
Die Beobachtungsgabe dieser Dame brachte den Genjiroman hervor, ein Werk, das mit einem gewissen Recht als der erste Roman der Weltliteratur gilt: Sein komplexen Realismus, der die Zurückhaltung einer Jane Austen mit den Tiefen der Gedankengänge eines Proust verbindet, verschaffte ihm bereits zu seiner Zeit eine Popularität, die er nie wieder verloren hat. Darüber hinaus ist dieses Werk, soweit bei einem Roman möglich, von unübertroffenem Nützlichkeitswert für den Historiker, macht es doch glaubwürdig die Sitten und Werte einer schon lange untergegangenen Welt wieder lebendig. Wie ein moderner Serienroman wurde Genji zu einem Bestandteil der in ihm beschriebenen Kultur, erregte und quälte seine Leser, die um die Manuskripte ungelegener Kapitel wetteiferten, er regte zum Klatsch an und verstärkte die besonderen Ideale von Heian: Hier galt Poesie mehr als Tapferkeit, Schönheit rangierte vor Muskelkraft, ein empfindsamer Fehlschlag wurde höher geschätzt als ein grober Erfolg.
Murasaki gehörte zu einer Gruppe höfischer Blaustrümpfe. Romane und Erzählungen, Gedichte, Tagebücher und "Kopfkissenbücher". zählten zu den üblichen Mitteln der Zerstreuung reicher und intelligenter Frauen, die keine wirtschaftlichen Probleme kannten und dennoch am öffentlichen Leben nicht teilnehmen durften. ohne sich je selbst direkt zu beschreiben, hielt sie doch fest, wie andere sie sahen: Sie sei schön, aber scheu, äußerst zurückhaltend, so sehr mit Poesie befaßt, daß andere Menschen für sie kaum existierten, und blicke boshaft auf die ganze Welt herab.

Diese Einschätzung stimmte nur zum Teil. Murasakis literarische Neigungen schienen ihr Interesse an ihren Mitbewohnern bei Hofe eher zu steigern als zu verdrängen; doch ihre Schärfe hätte man fälschlich als Boshaftigkeit und ihre Unvoreingenommenheit als Herablassung verstehen können. Dass es sich beim Genji tatsächlich um einen Schlüsselroman handelt, deutet sogar eine der Gestalten der Handlung vertraulich an.
Murasaki konnte ihre Beobachtungen von einem privilegierten Aussichtspunkt aus machen. Ab 1002 lebte sie als junge Witwe bei Hofe. Seit 1005 gehörte sie zum Haushalt von Shoshi, der Lieblingsgemahlin des Kaisers. Dort machte ihr, wenn man ihrem Tagebuch vertrauen kann, der mächtigste Mann Japans, Shoshis Vater Fujiwara no Michinaga, den Hof. Zwar blieb Murasaki als Frau ein Mitwirken auf der politischen Bühne versagt, doch von ihrer Loge aus hatte sie gleichwohl einen vorzüglichen Blick auf die Szene.
Ihr Freier, den sie allerdings als trunksüchtigen Wüstling verachtete, war in Personalunion Schwager, Onkel, Schwiegervater und Großvater von sieben Kaisern. Als Puppenspieler, der die kaiserlichen Damen wie Marionetten dirigierte, und als informeller Schiedsrichter bei der Thronfolge verkörperte er die klassische Figur des Majordomus des Palastes oder des Großwesirs, der für sich selbst herrscherliche Gewalt in Anspruch nahm. Behindert durch das Zeremoniell, mußten die Kaiser nach realer Macht streben, indem sie sehr früh, meist im Alter zwischen zwanzig und vierzig, in den Ruhestand traten. Die Höflinge aus dem Clan der Fujiwara versorgten das Reich mit einer funktionsfähigen Bürokratie, während die offiziellen Inhaber von staatlichen Ämtern in den Fesseln der Konventionen gefangen waren. Durch die Zuneigung eines Kaisers für seine Tochter an die Macht gelangt, festigte Fujiwara seine Stellung als sein Hauptrivale wegen einer Rauferei mit einem Exkaiser um die Gunst einer Dame in Ungnade fiel. Nach dem frühen und schnell aufeinanderfolgenden Tod von drei Kaisern in Parteistreitigkeiten konnte Fujiwara in Person seines Enkels Goichijo (1008-1036) die Macht übernehmen; der war nämlich bereits mit acht Jahren auf den Thron gelangt. Der Minister setzte nun eine Spirale von Selbstbereicherung und Machtsteigerung in Gang und ließ schließlich, wie ein erbitterter Kommentar lautete, "nicht ein Körnchen öffentlicher Domäne übrig".
Mit ihrem kleinen Staatssäckel und ihrem großen Harem waren die Kaiser nur überreich an Nachkommenschaft. Kaiserliche Prinzen, die man aus wirtschaftlichen Gründen degradiert hatte, wurden im Clan der Minamoto untergebracht und Genji genannt; und so sah auch das Schicksal des Helden des Berichts der Murasaki aus. Prinz Genji stellt in jeder Hinsicht eine überragende Gestalt dar, und als Verführer ist er ganz und gar vollkommen; von der Thronfolge, die ihm eigentlich zugestanden hätte, ist er zwar ausgeschlossen, jedoch gleichwohl imstande, einen Stamm von Kaisern zu zeugen. Sein wechselhaftes politisches Schicksal bildet den Hintergrund des Buches; aber es handelt sich hier nicht in erster Linie um einen politischen Roman, sondern um eine Chronik des Liebeslebens und der Freundschaften von Genji und der nächsten Generation seiner Familie - sozusagen um eine frühe Seifenoper aus dem mittelalterlichen Japan. Die eigentliche Ironie der Geschichte liegt nicht darin begründet, daß Genji die Ungerechtigkeit der Thronfolgeregelung umkehrt, sondern beruht darauf, daß sich sein eigener Erbe als Produkt eines Seitensprungs entpuppt.

In Murasaki mit ihrer Verachtung für Fujiwaras sexuelle Annäherungen und ihrer Sympathie für die Opfer dynastischer Manipulationen kann man kaum etwas anderes sehen als die Sprecherin der ausgeschlossenen Geschwister einer kleinen, gleichwohl durch Konkurrenz gespaltenen politischen Elite. Und dies sicherte ihrem Roman eine Art Skandalerfolg, für seine begierigen Leserinnen besaß er einen gewissen Schlafkammerreiz sowie einen Beigeschmack von Kritik an den Herrschenden. Die Außenseiter und Versager der Politik wurden in ihrer Romanwelt durch ein System von Werten getröstet, das an die britische Sympathie für den "Underdog" und an den "Geist von Dünkirchen" erinnert, dei Niederlagen in Erfolge umwandelt. In Murasakis Japan wurde das "edle Versagen" bewundert und manchmal gar vergöttert.

Ein früherer Verlierer im Machtkampf gegen Fujiwara, dessen Beispiel dazu beigetragen haben mag, den Charakter des fiktiven Genji zu formen, war Sugawara no Michizane ein Gelehrter, den der ehrgeizige Kaiser Uda auswählte bei seinen Bemühungen, das Machtmonopol der Fujiwara zu brechen. Aber nach einem Staatsstreich der Fujiwara im Jahre 901 wurde er in die Provinz ins Exil geschickt - ein Schicksal, das in den Augen der völlig urbanen Welt der japanischen hauptstädtischen Elite gleichbedeutend mit dem Tod war.
Jahrelang soll er sich, so hieß es, noch aus dem Grab heraus an der herrschenden Klasse gerächt haben, und er machte damit erst ein Ende, als neunzig Jahre später eine Fujiwara-Regierung seine Vergöttlichung verkündete. Vor einem solchen Hintergrund konnte ein charakterloser und blutarmer Held wie Genji einen romantischen Reiz ausüben, als würden Hamlet und James Bond zu einer Person verschmelzen.
Ein anderes Element der Geschichte von Sugawara - das Thema von übernatürlichem Einfluß und Rachsucht - durchdringt darüber hinaus die Atmosphäre des Genjiromans. Die japanische Vorstellungskraft des zehnten und elften Jahrhunderts war von Geistern und Dämonen erfüllt: Dabei handelte es sich in der anspruchsvolleren Literatur um Personifizierungen starker Gefühle. In der Geschichte Der Dämon vom Rasho-Tor von 974 stehen die Behörden vor einem Rätsel, weil einige Bürger von Heian auf geheimnisvolle Weise verschwunden sind, bis schließlich ein wagemutiger junger Mann feierlich gelobt, die Gefahrenzone zu durchstreifen. Er läßt sich von der Schönheit eines jungen Mädchens betören, das sich jedoch schließlich in einen scheußlichen Sukkubus verwandelt. Ehe er gerade noch rechtzeitig entkommen kann, trennt er ihr einen Arm ab, den er so lange als Andenken behält, bis ein Dämon, der getarnt zurückkehrt, diesen mit in den Himmel nimmt. Im Genjiroma wird diese Thematik subtiler, aber ebenso kraftvoll behandelt. Genjis eifersüchtige Mätresse, die Dame Rokujo, entwickelt einen derart starken Haß auf andere Frauen, daß dadurch alle anderen Affären des Prinzen scheitern und, obwohl die Dame inzwischen verstorben ist, seine am heißesten geliebte Freundin vernichtet und getötet wird.
Murasaki besitzt soviel Geschick, daß sie diesen finsteren Strang - den rohen, primitiven Faden - mit dem Silbergarn ihrer höfischen Erzählung verknüpfen kann, die den weichen Stoff einer zierlichen Sittenkomödie bildet. Denn Genji und die übrigen Hofangehörigen bewegen sich mit der Grazie von Ballettänzern, lassen sich von ihrem Verlangen nach Schönheit leiten, von einer Hierarchie der Ränge und von einer raffinierten Sinnlichkeit bestimmen. Ihre alles beherrschende Leidenschaft ist der Weltschmerz, und sie verdienen die meiste Bewunderung - und ihre Erfinderin bewundert sie dann am meisten -, wenn zerbrechliche Schönheit sie traurig macht oder sie sich von Unbeständigkeit der Natur erschüttern lassen. Die Feinheiten der hierarchischen Regeln in Heian lassen das Versailles eines Saint-Simon vergleichsweise als wüstes Getümmel erscheinen. So träumt Genjis Sohn von dem Tage, da er das "verhaßte grüne Gewand" wird ablegen können, das seine Herabsetzung auf den sechsten Adelsrang versinnbildlichte. Dagegen genoß die Katze des Kaisers den Status einer Dame von mittlerem Rang und trug deren Frisur. Eine Krankenpflegerin konnte am Husten eines Besuchers dessen Adelsrang erkennen.' Aus den Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Ebenen der Hierarchie ergeben sich weit mehr Spannungen als aus dem bösen Einfluß von Rokujos Geist. So stellt Genji fest, daß sich manchmal Personen von höchstem Rang auf den verächtlichsten Stellungen wiederfänden, während andere dagegen, die aus den gewöhnlichen Kreisen stammten, in die höchsten Ämter gelangten, Selbstgefälligkeit zur Schau stellten, das Innere ihrer Häuser ausschmückten und meinten, niemandem mehr Gehorsam zu schulden.' Herkunft und Schicksal Genjis unterstrichen in den Augen des Hofes, daß er das Produkt einer verachtungswürdigen mésalliance zwischen einem Kaiser und der Tochter eines Provinzbeamten war. Das Nachäffen höfischer Etikette in den Provinzen und dessen Fallstricke dominieren den weiteren Verlauf der Erzählung bis in die Generation nach Genji: Parvenüs waren imstande, Furcht oder Heiterkeit auszulösen - wie etwa der Provinztölpel, der sich dem höfischen Leben nicht ganz anzupassen vermag -, während Fälle von Dekadenz unter Adligen die zarten Wirbelsäulen von Palastschranzen erstarren lassen konnten: So etwa sieht sich der Sohn des Kanzlers, der in der Hauptstadt jegliche Gunst verloren hat, dem allgemeinen Gelächter ausgesetzt, ebenso die barfuß umherziehende Straßensängerin, welche die Stadtbewohner als das "Fräulein des Richters" bezeichnen, weil ihr Vater ein hoher Beamter war. In Murasakis Werken werden Auseinandersetzungen um den Vorrang mit hintergründiger Ironie geschildert: Sie stellte die heftigen Auswüchse der "Wagenkämpfe" satirisch dar, bei denen die mit Statussymbolen überhäuften Fahrzeuge von Damen einander zu Zeiten öffentlicher Schauspiele anrempelten. Sie macht sich über die Palastbewohner lustig, die ihre Köpfe aneinander schlagen und ihre Kämme abbrechen, während sie über die schlafenden Wächter am Tor springen. Diese Art von Humor entzückte besonders deshalb, weil sie todernste Konflikte und Streitereien berührte.

Noch stärker als über ihren Status erringen Murasakis Gestalten mit dem Ausdruck ihrer Sinnlichkeit ihren Platz in der Welt. Ihre männlichen Helden lassen sich durch eine exquisite Kalligraphie zur Liebe anregen, ein Mädchen durch die "frohe Gewandtheit" eines gefalteten Zettelchens. Sei Shonagon, die führende Autorität in Liebesangelegenheiten bei Hofe, befand, daß die Anhänglichkeit einer Frau an einen Mann weitgehend davon abhänge, wie elegant er Abschied zu nehmen verstehe.' Der Weg zur Macht ließ sich durchaus erkaufen oder erzwingen, aber soziale Akzeptanz fand nur jener, der fähig war, Verse zu improvisieren, wobei er sich nach Möglichkeit eines klassischen Chinesisch bediente. Der Austausch von Gedichten, die subtile und manchmal kryptische Bilder in Worte faßten, war der einzige Weg des gesellschaftlichen Verkehrs außerhalb der Zwänge der formellen und rituellen Konventionen, die explizite Aussagen untersagten und Gefühlsäußerungen nicht gestatteten. Einer der aufrichtigsten Selbstvorwürfe Murasakis betraf ihre Unfähigkeit, auf einen von Fujiwaras Annäherungsversuchen mit einem angemessen zurückhaltenden Vers zu reagieren.
Die in den Gedichten kultivierte Schönheit und Sinnlichkeit - und in ihrer schriftlichen Form die Art und Weise, in der sie gestaltet und gefaltet wurden - waren das Thema jedes öffentlichen Vortrags. Nur beim Bogenschießwettbewerb berühren Genji und seine Freunde die praktische Welt der Werte ihrer europäischen Standes- und Zeitgenossen. Normalerweise aber wetteifern sie im Malen, Tanzen, im Mischen von Parfüms und Düften. Der Kult der Empfindsamkeit wird Genjiroman besonders dann deutlich, wenn der Held nicht bereit ist, das Werben um eine Prinzessin einzustellen, nachdem sich - bei näherer Betrachtung - herausgestellt hat, daß die Angebetete rotnäsig und plump ist.
In einem anderen Zusammenhang erklärt dasselbe Ideal, warum sich der Kaiser Ichijo außer Hörweite zurückzog, als er auf der Flöte ein volkstümliches Schmählied gegen einen Minister spielen hörte, der aus niederem Stande aufgestiegen war. Um ihren Sinn für die Schönheiten der Natur zu beweisen, ohne sich dabei in die verhassten Provinzen begeben zu müssen, legten Hofbeamte Gärten an, welche die "Wunder der Landschaft", wie sie die Poeten priesen, nachempfanden. Bäume wurden so beschnitten, daß sie phantastische Formen annahmen und wie die windgebeugten Pinien von Amanohashidate wirkten.
Im Christentum jener Zeit musste aristokratisches Verbrechertum oftmals durch die Kirche gebremst oder zumindest in andere Bahnen gelenkt werden. Edle Halunken wurden bestenfalls allmählich und ohne Erfolgsgarantie zivilisiert; dies geschah über einen langen Zeitraum hinweg durch einen Kult der Ritterlichkeit, bei dem die Ausbildung im Umgang mit Waffen stets ebenso wichtig blieb wie die Erziehung zu adligen Werten. Aus dieser Perspektive erscheint es erstaunlich, daß auf der anderen Seite der Welt eine Kultur existierte, in der eine weltliche Elite spontan Feinfühligkeit und die Künste des Friedens feierte. Über die niederen Schichten der japanischen Gesellschaft unter den Fujiwara liegen so wenige Arbeiten vor und gibt es eine solch geringe Anzahl Quellen, dass kaum eine Aussage darüber möglich ist, wie heftig dieses Reich der Empfindsamkeit seine Untertanen unterdrückte. Die Welt des Genji besteht gleichsam aus hartem Porzellan, bei dem kein grober Ton mehr sichtbar wird. Die unteren Stände dringen nirgends ein und machen das Bild hässlich; Bauern sind solch fremdartige Wesen, daß sie sich hier lediglich als "Phantome" abzeichnen. Heian lebt nicht nur von der übrigen Welt isoliert, sondern auch von seinem eigenen Hinterland, und die Provinzen bekamen Vorbilder wie Sugawara und Genji nur in Zeiten des Exils zu sehen. Sie wurden die meiste Zeit über von schlechtgepuderten Männern regiert, deren Gesichter Sei Shonagon an "dunkle Erde, über welcher der Schnee nur fleckweise weggeschmolzen war" erinnerte. Die Reissteuern, die dem Unterhalt der Hofaristokratie dienten, wurden einer Bauernschaft abgepresst, die immer wieder unter Hungersnöten und Seuchen zu leiden hatte. Obwohl die "Armee" des Reiches nur für zeremonielle Zwecke zu gebrauchen war und ihre Offiziersposten Sinekuren darstellten, wurden die ländlichen Gebiete durch die Gefolgschaft der Provinzverwalter eingeschüchtert. Hierbei handelte es sich um Banden von Rabauken und Maulhelden, deren Unwesen wie das der rurales im vorrevolutionären Mexiko von den Behörden geduldet wurde. Aus diesen Kreisen gingen schließlich die Privatarmeen von Provinzaristokraten hervor. Ihnen sollte es im darauffolgenden Jahrhundert gelingen, die Zentralgewalt herauszufordern und schließlich zu überwinden.

Bemerkenswert ist dabei allerdings weniger, dass die Werte des Hofes im Lande keinen Niederschlag fanden, sondern vielmehr, dass es sie überhaupt in einer derart hochentwickelten Form gab. Selbst im Genjiroman tauchen einige Gestalten auf, deren Ungeduld durch die Konventionen höfischen Verhaltens hervorgerufen wird. Unter Berufung auf den "Geist Japans" oder bei der Zurückweisung der traditionellen "chinesifizierten Kunst" als "geziert" besteht die Versuchung anzunehmen, es müsse irgendwelche Vorbilder für das gewalttätige, kriegerische Japan einer späteren Zeit geben. Doch im nachhinein betrachtet man die Dinge stets durch eine stark verzerrende Linse, und alle uns bekannten Zeugnisse der Kunst und Literatur Japans des späten zehnten und frühen elften Jahrhunderts vermitteln mit bemerkenswerter Konsistenz den Eindruck eines Gemeinschaftsprojekts, das von Selbstbescheidung geprägt war. Die Kunst von Heian scheint wie die der italienischen Renaissance bewusst die emotionale Selbstgefälligkeit und die angestrengten Herbheiten vorangegangener Zeiten zugunsten von Bescheidenheit und sprezzatura - zur Schau getragener Lässigkeit - zurückzuweisen. Dieser Stil wurde - in den Augen von Kritikern, die der Tradition verpflichtet waren - durch den Bildhauer locho bestimmt, der für Fujiwara no Michinaga den Palast von Hojoji ausschmückte. Seine Götter- und Heldengestalten wirken menschlich, realistisch und sanft, sie bestimmten für den Rest des Jahrhunderts das rechte Maß.

Genji hätte wohl ebenso gut im Mantua der Gonzaga leben können oder in Heian gern Castiglione willkommen geheißen.

 

 

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Stand: 25. März 2011